Das Wolfenbütteler Manifest – 10 Thesen zum Thema Bloggen für Übersetzer

24. Juni 2011 § 3 Kommentare

Im Workshop “Bloggen für Übersetzer” kamen viele Fragen darüber auf, warum und wie man bloggt oder bloggen sollte. Hier ein Versuch, meine Ideen zum Thema zusammenzufassen. Kommentare sind ausdrücklich erwünscht!

1. Übersetzer sind Experten. Wir kennen die Werke, die wir übersetzen, oft fast so gut wie die Autoren selbst, und meistens besser als die Lektoren. Wir kennen die Länder, deren Literaturen wir übersetzen, und wir kennen die jeweiligen Literaturen selbst. Und nicht zuletzt beherrschen wir unsere eigenen Sprachen und spielen eine Rolle in deren Weiterentwicklung, ob bewusst oder unbewusst, beabsichtigt oder nicht.

2. Übersetzer sind allerdings oft unsichtbar. Sei es in Rezensionen, auf den Buchcovern, in der Werbung – oft genug wird unsere Arbeit und unsere bloße Existenz unterschlagen. Vampiren gleich erscheinen wir nicht im Spiegel der Öffentlichkeit, gelten mancherorts als literarische Parasiten ohne eigene lebensspendende Ideen. Eine gute Übersetzung soll man daran erkennen, dass man sie nicht bemerkt, heißt es. Ob die alte Maxime noch gilt oder nicht – es bedeutet nicht, dass wir Übersetzer selbst unsichtbar bleiben müssen.

3. Das Internet gibt uns viele Gelegenheiten, uns einer theoretisch unbegrenzten Öffentlichkeit gegenüber zu äußern.

4. Ein Blog bietet genau so eine Möglichkeit. Durch ein Blog kann man ohne großen technischen Aufwand seine Ideen verbreiten, sich selbst, seine Projekte und unter Umständen seine ganze Berufssparte ans Licht bringen.

5. Durch Leserkommentare und Vernetzung mit anderen Bloggern kann man leicht in einen Dialog treten, der sonst überhaupt nicht stattfinden würde.

6. Vor dem Hintergrund, dass die Leserschaft theoretisch unbegrenzt ist – durch Online-Übersetzungsdienste nicht mal mehr sprachlich bedingt – sollte ein Übersetzerblog möglichst verständlich geschrieben sein. Wenn es darum geht, unsere Arbeit für Außenstehende darzustellen, sollte ebendiese Leserschaft nicht abgeschreckt werden.

7. Andererseits ermöglicht ein Blog einen tiefer gehenden Dialog mit Kollegen, gegebenenfalls aus aller Welt. Es muss auch Raum für fachspezifische Beiträge geben, die Fragen unserer Arbeit und unseres Selbstverständnisses angehen.

8. Noch bestehen kaum Verbindungen zwischen Theoretikern und Praktikern der Übersetzungswissenschaft. Ein Blog wäre eine Möglichkeit, den Elfenbeinturm mit dem Bodenpersonal zu verbinden, sofern dies in einer allgemein lesbaren Form geschieht. Und es könnte Studierende der Literaturübersetzung einbinden, die oft mehr über die eigene Arbeit reflektieren als etablierte Übersetzer.

9. Ein Blog soll Lesefreude schaffen. Als Übersetzer verfügen wir über das rhetorische Werkzeug, gute Texte zu schreiben. Das sollten wir auch tun. Es kann unheimlich befreiend sein, seine eigenen Worte aufs leere Blogblatt zu bringen, anstatt wie üblich die Worte anderer zu übertragen. Das freie Schreiben bringt uns wiederum Vorteile für die übersetzerische Arbeit ein, und sei es nur, dass wir auf das eine oder andere neue Wortwahl kommen.

10. Zu oft sind Übersetzer zurückhaltende Menschen, die das Rampenlicht scheuen. Seit einiger Zeit erheben wir allerdings merklich unsere Stimmen durch selbst organisierte Lesungen, die Öffentlichkeitsarbeit der Berufsverbände, Leserbriefe an Zeitungen, Übersetzernachworte, usw. Lasst uns noch einen Schritt aus dem Schatten unserer Autoren hervor treten und unsere eigene Plattform erschaffen!

Katy Derbyshire

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§ 3 Antworten auf Das Wolfenbütteler Manifest – 10 Thesen zum Thema Bloggen für Übersetzer

  • Interessanter Beitrag! Seit Jahren bin ich auch der Meinung, dass (nicht nur Literatur-)Übersetzer bloggen sollten bzw. müssen. Bin selbst überzeugter Blogger-Übersetzer und mein Weblog hat vor zwei Wochen seine erste Million Besucher erreicht (allerdings nach 3 Jahren und über 1.000 Artikeln in englischer, portugiesischer und deutscher Sprache u.a. zu Themen wie Beruf Übersetzer, Terminologie, Übersetzer-Treffen, CAT-Tools und Rezensionen von Wörterbüchern und anderen Büchern für Übersetzer). Durch meinen Übersetzer-Weblog habe ich zahlreiche Kollegen und Kunden kennen gelernt. Also, Bloggen lohnt sich! Würde mich über einen Besuch freuen: http://fidusinterpres.com

    Dort findet man unter »Links« auch einen Link zu »Die Übersetzer«. :-)

    Mein deutschsprachiger Weblog (mit Inhalten für Kunden und für das breitere Publikum, nicht für Übersetzer) ist übrigens nicht so ehrgeizig, hat mir trotzdem ein paar neue Kunden gebracht: http://www.brasilien-uebersetzer.de

    Alles Gute an das Blogger-Team! Weiter so!

  • Andreas sagt:

    Liebe Katy, nicht grad viel los hier, wie? Ob deutsche Übersetzer vielleicht doch eher blogophob sind? Seems to be the wrong track.

  • Andreas sagt:

    11. Übersetzer bloggen nicht. Q.e.d.

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