Geständnisse eines Wiederholungstäters

15. Juli 2011 § Ein Kommentar

Seit fünf Jahren war ich nicht mehr in Wolfenbüttel. Im Bummelzug von Braunschweig sitzen bestimmt hundert Übersetzer. Aber ich bin in den letzten Waggon eingestiegen und kenne niemanden. Neben mir liest ein junger Polizist in Uniform einen Roman. (Die zwei junge Damen gegenüber könnten Kolleginnen sein – wie sich später herausstellt, sind sie es auch.) Der Zug hält in Wolfenbüttel, hundert Leute steigen aus, großes Hallo. Ich senke den Kopf, möglichst keinen anschauen, sonst komme ich aus dem Begrüßen nicht mehr raus. Bin nämlich um viertel nach fünf in Brüssel aufgestanden und darum hundemüde. Jetzt ist es 13.30 Uhr, ich bin verschwitzt, muss aufs Klo und habe diverse Gepäckstücke zu tragen – in eine Ferienwohnung an der Peripherie der Lessingstadt, die ich mir mit einem mir bislang nur telefonisch bekannten Kollegen teile.

Eine Viertelstunde später bin ich am Altersheim Curanum angelangt („Gute Pflege hat ein Zuhause“).  So weit habe ich mich noch nie aus der Innenstadt herausgewagt. Irgendwo hier muss es sein. Ich finde die Unterkunft, werde von dem netten Münchener Kollegen Richard Barth begrüßt und beziehe mein Zimmer – das nicht so charmant ist wie der Kollege, aber ich will hier ja nicht einziehen. Früher habe ich immer in der Schünemann’schen Mühle gewohnt, aber da sind die Zimmer immer ratzfatz ausgebucht, und so kurzfristig, wie ich mich angemeldet habe, kann ich froh sein, überhaupt  noch was gefunden zu haben. Auf meinem Kopfkissen liegt mit schönen Grüßen vom Vermieter eine Miniaturflasche Jägermeister. Der Kräuterschnaps ist neben Lessing die andere große Marke Wolfenbüttels.

(Foto: Pardon)

Eine weitere Viertelstunde später machen wir uns auf den Weg in die Kommisse. Bevor ich mein Namensschild abhole, muss ich freilich noch schnell Geld kaufen. Aber wo war noch mal der Geldautomat der Sparkasse? Vor fünf Jahren hätte ich das noch gewusst. In der Kommisse ist schon ordentlich was los. Jetzt bin ich bereit für das große Hallo. Ich bin erfreut, dass ich noch so viele Kollegen kenne – und erkannt werde. Aber es sind auch einige neue Gesichter dabei, ein Nachwuchs-Problem hat der VdÜ offenbar nicht, wie schön!

Die Kurse sind diesmal wieder sehr praxisorientiert: Man kann lernen, wie man seinen Arbeitsplatz ergonomisch einrichtet, wie man seine Texte gekonnt vorliest und wie man Lektoratsgespräche stilvoll führt. Und was es mit dem Bloggen auf sich hat.  Eine besonders wagemutige Gruppe will sogar innerhalb dreier Workshopstunden einen Übersetzerchor auf die Beine stellen, der am Samstag Abend den Festakt musikalisch untermalen soll.

Aber erst mal ist Freitag Abend, und da findet das Lesefest statt, wie immer in der Mühle. Ich habe ganz vergessen, wie laut der Bach unter der Mühle durchrauscht, wenn man vor dem Gebäude steht und plaudert. Drinnen kann man trotzdem viele Zwischentöne hören. Kulinarisches wird erörtert und Maxim Billers alte Frage, ob Gott Humor hat. Doch mein ganz persönlicher Höhepunkt ist die Lese-Performance von Tobias Scheffel und Marcel Hinderer, die aus George Perecs bürokratisch verspieltem Text Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten vorlesen. Schade, dass es das (noch) nicht als Hörbuch gibt! Nach ein paar Absacker-Getränken sinke ich gepflegt (ohne Jägermeister) ins Bett.

In den Samstags-Workshops treffe ich bekannte und unbekannte Gesichter, diskutiere über Sinn und Unsinn des Bloggens und „Nähe als Nachteil“ beim Verstehen niederländischer Texte. Da ich kein Niederländisch verstehe, eine für mich besonders spannende Veranstaltung. Zwischendrin muss auch mal zu Mittag gegessen werden – leider hat die Hälfte der Wolfenbütteler Gastronomiebetriebe zu, und das an einem Samstag Mittag, an dem fast zweihundert Übersetzer in der Stadt sind. Bleibt nur noch der Vietnamese, bei dem schon vor fünf Jahren alle Gerichte gleich geschmeckt haben. Das ist diesmal nicht anders, aber offenbar hat der Koch gewechselt: die Portionen sind jetzt übersichtlicher angeordnet und hübsch dekoriert.

Aber es kommt ja noch der Höhepunkt: die alljährliche Party in der Kuba-Halle. Bevor es da ans Büffet geht, gibt es allerdings noch mehrere beeindruckende Darbietungen zu hören. Der Drei-Stunden-Übersetzerchor hat doch tatsächlich in der kurzen Zeit ein ziemlich beachtliches Programm auf die Beine gestellt – wohl auch deshalb, weil viele der singenden Kolleginnen und Kollegen Chorerfahrung haben. Nur die Tatsache, dass als letztes Lied „Guten Abend, gute Nacht“ ertönt, berührt mich etwas eigenartig. Die Party kommt doch erst noch. Sie kommt auch noch – und wie! Bis drei Uhr wird getanzt, und zwar in allen Stilen und Altersklassen. Aber zunächst gibt es eine ebenso rührende wie kraftvolle Laudatio von Ulrich Blumenbach auf Karin Krieger – und die Übergabe des Hieronymus-Rings.

Es gelingt mir, diesen aus nächster Nähe zu betrachten – durchaus tragbar und nicht so klobig, wie ich mir so einen Ehrenring vorgestellt hatte. Ungefähr acht Stunden später, in den frühen Morgenstunden, lasse ich dann mit Ulrich und Karin und einer kleinen Gruppe Unentwegter die Party ausklingen – in einer Wolfenbütteler Kneipe, in die ich vor fünf Jahren bestimmt keine Fuß gesetzt hätte. Aber nach The Clash und Fatboy Slim ist Wolfgang Petry fast schon wieder lustig. Zu schottischem Whisky erzählt mir die Kollegin Karin Betz, wie es sie nach China verschlagen hat.

Am nächsten Morgen in der Kommisse erkennt man die Frühheimkehrer wie immer an den verquollenen Gesichtern – daran hat sich auch diesmal nichts geändert. Doch diesmal schlafe ich bei „Autorin trifft Übersetzer“ nicht ein, auch wenn ich kein Bulgarisch verstehe. Sibylle Lewitscharoffs schwäbische Boshaftigkeit ist genau die richtige Medizin, um wach zu bleiben. Ich fürchte, ich werde nächstes Jahr wiederkommen müssen.

Axel Henrici

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Erlebnisse einer Wolfenbüttel-Fahrenden

15. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Unsere Korrespondentin klärt uns auf.

Teil vier

Danach nichts wie zurück ins Gästehaus und umgezogen für den eigentlichen Höhepunkt: die samstagabendliche Party. Wie gewöhnlich kam ich bereits ausgehungert in der Kuba an, aber zunächst galt es noch, den Programmpunkt Preisverleihung mit musikalischer Untermalung hinter sich zu bringen. Endlich wurde das Buffet eröffnet, und wieder einmal verpasste ich den richtigen Zeitpunkt. Erst zieren sich alle – ich jedenfalls ziere mich -, und plötzlich stehen vor mir hundert Leute in der Schlange. An meiner Buffetstrategie muss ich noch arbeiten.

(Foto: Pratyeka)

Irgendwann wurde dann die Musik lauter, und damit war auch die Tanzfläche eröffnet und wie jedes Jahr im Handumdrehen gedrängt voll. Und dann muss irgendjemand an der Uhr gedreht haben, denn gleich darauf war es drei Uhr morgens, die Lichter gingen an, und fußlahm wankte ich mit mehreren Kollegen zurück Richtung Unterkunft.
Die Entscheidung, die Sonntagsveranstaltung ausfallen zu lassen, war im Prinzip schon vor dem Schlafengehen gefallen, aber spätestens als ich die Tür der Duschkabine öffnete und mein Blick wieder auf eine Überschwemmung fiel, stand mein Entschluss fest. Ich würde einfach einen früheren Zug nehmen, wäre früher zuhause und hätte so am Nachmittag mehr Zeit für ein ausgedehntes Nickerchen. Doch ach, die Deutsche Bahn, die Umstände oder was auch immer waren dagegen. Zwar wurde ich in Hannover nicht wieder von einem Bahnsteig zum nächsten geschickt, aber dafür kam ich mit Verspätung dort an, verpasste meinen Anschlusszug, der nächste Zug sollte ebenfalls Verspätung haben, fiel dann ganz aus, und als ich nach über sieben Stunden endlich wieder in Düsseldorf war, fiel auch mein Nachmittagsschlaf aus, weil nämlich der Nachmittag schon vorbei war. Seither schlage ich übrigens nicht mehr vor, wir könnten doch genauso gut mit dem Zug nach Wolfenbüttel fahren.

P.S. Allen, denen an diesem Bericht jetzt etwas Spanisch vorkommt, sei freimütig eingestanden, dass ich hier mehrere Wolfenbüttel-Teilnahmen zu einer fiktiven kondensiert und mir überdies die eine oder andere dichterische Freiheit herausgenommen habe.

Alice Jakubeit

Erlebnisse einer Wolfenbüttel-Fahrenden

4. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Unsere Korrespondentin klärt uns zwischendurch auf.

Teil zwei

(Foto: Jan Peter Kasper)
In Wolfenbüttel angekommen, machte ich mich auf den Weg zu meiner Unterkunft. Wie üblich fand ich mich nicht auf Anhieb zurecht, aber irgendwann stand ich doch vor dem Gästehaus, in dem ich dieses Jahr wohnte. Ich hatte nach einer preiswerten Unterkunft gesucht, und preiswert war sie. Eigentlich bin ich auch nicht besonders anspruchsvoll, was Unterkünfte für wenige Tage angeht. Doch als ich die Tür zu meinem Zimmer zum ersten Mal öffnete, fiel mein Blick sogleich aufs Klo, das sich praktisch neben der Tür befand – die Duschkabine stand gleich dahinter. Außerdem war das Zimmer in dunklen Brauntönen beziehungsweise Klo und Fliesen in Beigetönen gehalten – ich finde Braun abscheulich. Ich überlegte, ob ich auf dem Absatz kehrtmachen sollte, aber das tat ich natürlich nicht, sondern ließ meinen Koffer dort und machte mich auf den Weg zur Eröffnungsveranstaltung in der Kommisse, von der ich dann inhaltlich leider nicht allzu viel mitbekam, weil mich die Nachmittagsmüdigkeit überkam. Aber eigentlich wurde es sowieso erst danach interessant, weil man nun nämlich noch mehr Kollegen traf, die man ewig nicht gesehen hatte.
Das Abendessen fand in einem Strandrestaurant statt – ja, so etwas gibt es auch in Wolfenbüttel. Eigentlich gar keine schlechte Idee, mal draußen zu essen, mal was anderes, hatten wir bisher noch nicht bei der Jahrestagung – wenn das Wetter nur nicht ganz so unsommerlich gewesen wäre. Ich will nicht behaupten, es wäre ein richtiges Gerangel um die Heizpilze entstanden, aber ich wachte doch mit Argusaugen darüber, dass uns keiner unsere Wärmequellen entführte.
Wie auch immer, satt wurden wir, und danach war das Lesefest angesagt. Wir freuten uns schon auf den ersten Teil der Veranstaltung, weil eine Kollegin sich hatte breitschlagen lassen, aus dem vor längerer Zeit von ihr übersetzten Kreuzritterporno zu lesen. Das versprach, sehr lustig zu werden. Wurde es auch. Lange nicht mehr so gelacht. Bewundernswert auch, dass es der Kollegin gelang, trotz allem – also vor allem auch trotz des Wieherns der Zuhörerschaft – die Passage zu Ende zu lesen, ohne selbst über dem Tisch zusammenzubrechen.
Nach dem Lesefest – richtig: Kollegen getroffen, geplaudert, das eine oder andere Glas Wein oder Wasser getrunken – an die Biertrinker hatte schändlicherweise niemand gedacht, an die Absinthtrinker aber auch nicht – und trotz bester Vorsätze viel zu spät ins Bett gekommen.

Alice Jakubeit

Zoekt en gij zult vinden zonder al te veel problemen

4. Juli 2011 § Ein Kommentar

Und hier mal etwas auf niederländisch. Weil’s so schön ist, in der Muttersprache zu schreiben.

(Foto: koopjes.be)

Vertalers van literatuur en non-fictie zullen het herkennen, het eindeloze gezoek als er uit andermans werk wordt geciteerd. Is dat boek of die publicatie ooit in het Nederlands vertaald? Zo ja, wat is de Nederlandse titel en waar vind ik de Nederlandse vertaling van het citaat? Dat is enorm tijdrovend en of je zoekpogingen succes afwerpen, is maar de vraag.

Omdat de Koninklijke Bibliotheek in Den Haag van alle publicaties die in ons land verschijnen een exemplaar bewaart, ligt het voor de hand om daarvan een catalogus te maken en die aan Nederlandse vertalers ter beschikking te stellen. Die catalogus zou dan op auteursnaam te benaderen moeten zijn. Dan per boek of publicatie de oorspronkelijke buitenlandse titel, de Nederlandse titel, naam van de vertaler en ISBN-nummer. Vervolgens de mogelijkheid om binnen de vertaling van het werk enkele steekwoorden in te geven en daar staat het al. Veel kostbare tijd bespaard!

Natuurlijk hangt er aan een dergelijke service een prijskaartje. Bovendien bereik je als eenling niets. Daarom heb ik het Nederlands Genootschap van Tolken en Vertalers (NGTV) mijn probleem voorgelegd en gevraagd om zich tot de Koninklijke Bibliotheek te wenden met het verzoek om samen tot een oplossing te komen. Dat zou nog eens belangenbehartiging mogen heten!

Reacties van collega’s en adhesiebetuigingen zijn uiteraard meer dan welkom!

Henriëtte van Weerdt-Schellekens,
Beëdigd vertaler Duits en lid van het NGTV en het VDÜ

Erlebnisse einer Wolfenbüttel-Fahrenden

3. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Unsere Korrespondentin klärt uns zwischendurch auf.

Teil eins

Urplötzlich war es Mitte Juni, und Wolfenbüttel stand vor der Tür, also die Jahrestagung. So überraschend wie Weihnachten. Natürlich passte es zeitlich gerade überhaupt nicht, aber sei’s drum, ich war zum Glück seit langem angemeldet und konnte keinen Rückzieher mehr machen. Donnerstagabend wurde in aller Hektik der Koffer gepackt – was sollte ich bloß mitnehmen, wechselhaftes Wetter war angesagt -, nur um ihn am Freitagmorgen ebenso hektisch nochmals umzupacken. Alles wie gehabt.

(Foto: Linda Bailey)
In diesem Jahr fuhren wir mit dem Zug. Das war mein Vorschlag gewesen – schließlich habe ich keinen Führerschein, und außerdem ist Bahnfahren ja auch so viel umweltfreundlicher. Ich hatte für einige Kolleginnen und mich die Fahrkarten besorgt – erstaunlicherweise war erster Klasse preiswerter als zweiter Klasse gewesen, und so fuhr ich zum ersten Mal im Leben erster Klasse Zug.
Wir trafen uns am Bahnhof und hatten so weit eine ganz angenehme Zugfahrt bis Hannover. Dort mussten wir zum ersten Mal umsteigen. Auf dem Bahnsteig trafen wir weitere Kollegen, die mit anderen Zügen nach Hannover gekommen waren. Allgemeines Begrüßen, plötzlich eine Durchsage: Unser Anschlusszug sollte ausnahmsweise von einem anderen Gleis abfahren. Seufzend nahmen wir unser Gepäck und trabten eine Treppe hinab, durch den Tunnel und eine andere Treppe hinauf zum angegebenen Bahnsteig. Geschafft. Die Zeit reichte noch für eine rasche Zigarette, dachte ich, doch da ertönte eine neue Durchsage: Unser Zug sollte nun doch vom ursprünglich vorgesehenen Gleis abfahren. Alle murrten, ergriffen ihre Koffer, trabten eine Treppe hinab, durch den Tunnel und eine andere Treppe hinauf. Geschafft, fürs Erste. Falls die Bahn es sich nicht noch einmal anders überlegte. Die restliche Anreise verlief ereignislos.

Alice Jakubeit

Wo bin ich?

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