Geständnisse eines Wiederholungstäters

15. Juli 2011 § Ein Kommentar

Seit fünf Jahren war ich nicht mehr in Wolfenbüttel. Im Bummelzug von Braunschweig sitzen bestimmt hundert Übersetzer. Aber ich bin in den letzten Waggon eingestiegen und kenne niemanden. Neben mir liest ein junger Polizist in Uniform einen Roman. (Die zwei junge Damen gegenüber könnten Kolleginnen sein – wie sich später herausstellt, sind sie es auch.) Der Zug hält in Wolfenbüttel, hundert Leute steigen aus, großes Hallo. Ich senke den Kopf, möglichst keinen anschauen, sonst komme ich aus dem Begrüßen nicht mehr raus. Bin nämlich um viertel nach fünf in Brüssel aufgestanden und darum hundemüde. Jetzt ist es 13.30 Uhr, ich bin verschwitzt, muss aufs Klo und habe diverse Gepäckstücke zu tragen – in eine Ferienwohnung an der Peripherie der Lessingstadt, die ich mir mit einem mir bislang nur telefonisch bekannten Kollegen teile.

Eine Viertelstunde später bin ich am Altersheim Curanum angelangt („Gute Pflege hat ein Zuhause“).  So weit habe ich mich noch nie aus der Innenstadt herausgewagt. Irgendwo hier muss es sein. Ich finde die Unterkunft, werde von dem netten Münchener Kollegen Richard Barth begrüßt und beziehe mein Zimmer – das nicht so charmant ist wie der Kollege, aber ich will hier ja nicht einziehen. Früher habe ich immer in der Schünemann’schen Mühle gewohnt, aber da sind die Zimmer immer ratzfatz ausgebucht, und so kurzfristig, wie ich mich angemeldet habe, kann ich froh sein, überhaupt  noch was gefunden zu haben. Auf meinem Kopfkissen liegt mit schönen Grüßen vom Vermieter eine Miniaturflasche Jägermeister. Der Kräuterschnaps ist neben Lessing die andere große Marke Wolfenbüttels.

(Foto: Pardon)

Eine weitere Viertelstunde später machen wir uns auf den Weg in die Kommisse. Bevor ich mein Namensschild abhole, muss ich freilich noch schnell Geld kaufen. Aber wo war noch mal der Geldautomat der Sparkasse? Vor fünf Jahren hätte ich das noch gewusst. In der Kommisse ist schon ordentlich was los. Jetzt bin ich bereit für das große Hallo. Ich bin erfreut, dass ich noch so viele Kollegen kenne – und erkannt werde. Aber es sind auch einige neue Gesichter dabei, ein Nachwuchs-Problem hat der VdÜ offenbar nicht, wie schön!

Die Kurse sind diesmal wieder sehr praxisorientiert: Man kann lernen, wie man seinen Arbeitsplatz ergonomisch einrichtet, wie man seine Texte gekonnt vorliest und wie man Lektoratsgespräche stilvoll führt. Und was es mit dem Bloggen auf sich hat.  Eine besonders wagemutige Gruppe will sogar innerhalb dreier Workshopstunden einen Übersetzerchor auf die Beine stellen, der am Samstag Abend den Festakt musikalisch untermalen soll.

Aber erst mal ist Freitag Abend, und da findet das Lesefest statt, wie immer in der Mühle. Ich habe ganz vergessen, wie laut der Bach unter der Mühle durchrauscht, wenn man vor dem Gebäude steht und plaudert. Drinnen kann man trotzdem viele Zwischentöne hören. Kulinarisches wird erörtert und Maxim Billers alte Frage, ob Gott Humor hat. Doch mein ganz persönlicher Höhepunkt ist die Lese-Performance von Tobias Scheffel und Marcel Hinderer, die aus George Perecs bürokratisch verspieltem Text Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten vorlesen. Schade, dass es das (noch) nicht als Hörbuch gibt! Nach ein paar Absacker-Getränken sinke ich gepflegt (ohne Jägermeister) ins Bett.

In den Samstags-Workshops treffe ich bekannte und unbekannte Gesichter, diskutiere über Sinn und Unsinn des Bloggens und „Nähe als Nachteil“ beim Verstehen niederländischer Texte. Da ich kein Niederländisch verstehe, eine für mich besonders spannende Veranstaltung. Zwischendrin muss auch mal zu Mittag gegessen werden – leider hat die Hälfte der Wolfenbütteler Gastronomiebetriebe zu, und das an einem Samstag Mittag, an dem fast zweihundert Übersetzer in der Stadt sind. Bleibt nur noch der Vietnamese, bei dem schon vor fünf Jahren alle Gerichte gleich geschmeckt haben. Das ist diesmal nicht anders, aber offenbar hat der Koch gewechselt: die Portionen sind jetzt übersichtlicher angeordnet und hübsch dekoriert.

Aber es kommt ja noch der Höhepunkt: die alljährliche Party in der Kuba-Halle. Bevor es da ans Büffet geht, gibt es allerdings noch mehrere beeindruckende Darbietungen zu hören. Der Drei-Stunden-Übersetzerchor hat doch tatsächlich in der kurzen Zeit ein ziemlich beachtliches Programm auf die Beine gestellt – wohl auch deshalb, weil viele der singenden Kolleginnen und Kollegen Chorerfahrung haben. Nur die Tatsache, dass als letztes Lied „Guten Abend, gute Nacht“ ertönt, berührt mich etwas eigenartig. Die Party kommt doch erst noch. Sie kommt auch noch – und wie! Bis drei Uhr wird getanzt, und zwar in allen Stilen und Altersklassen. Aber zunächst gibt es eine ebenso rührende wie kraftvolle Laudatio von Ulrich Blumenbach auf Karin Krieger – und die Übergabe des Hieronymus-Rings.

Es gelingt mir, diesen aus nächster Nähe zu betrachten – durchaus tragbar und nicht so klobig, wie ich mir so einen Ehrenring vorgestellt hatte. Ungefähr acht Stunden später, in den frühen Morgenstunden, lasse ich dann mit Ulrich und Karin und einer kleinen Gruppe Unentwegter die Party ausklingen – in einer Wolfenbütteler Kneipe, in die ich vor fünf Jahren bestimmt keine Fuß gesetzt hätte. Aber nach The Clash und Fatboy Slim ist Wolfgang Petry fast schon wieder lustig. Zu schottischem Whisky erzählt mir die Kollegin Karin Betz, wie es sie nach China verschlagen hat.

Am nächsten Morgen in der Kommisse erkennt man die Frühheimkehrer wie immer an den verquollenen Gesichtern – daran hat sich auch diesmal nichts geändert. Doch diesmal schlafe ich bei „Autorin trifft Übersetzer“ nicht ein, auch wenn ich kein Bulgarisch verstehe. Sibylle Lewitscharoffs schwäbische Boshaftigkeit ist genau die richtige Medizin, um wach zu bleiben. Ich fürchte, ich werde nächstes Jahr wiederkommen müssen.

Axel Henrici

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Erlebnisse einer Wolfenbüttel-Fahrenden

15. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Unsere Korrespondentin klärt uns auf.

Teil vier

Danach nichts wie zurück ins Gästehaus und umgezogen für den eigentlichen Höhepunkt: die samstagabendliche Party. Wie gewöhnlich kam ich bereits ausgehungert in der Kuba an, aber zunächst galt es noch, den Programmpunkt Preisverleihung mit musikalischer Untermalung hinter sich zu bringen. Endlich wurde das Buffet eröffnet, und wieder einmal verpasste ich den richtigen Zeitpunkt. Erst zieren sich alle – ich jedenfalls ziere mich -, und plötzlich stehen vor mir hundert Leute in der Schlange. An meiner Buffetstrategie muss ich noch arbeiten.

(Foto: Pratyeka)

Irgendwann wurde dann die Musik lauter, und damit war auch die Tanzfläche eröffnet und wie jedes Jahr im Handumdrehen gedrängt voll. Und dann muss irgendjemand an der Uhr gedreht haben, denn gleich darauf war es drei Uhr morgens, die Lichter gingen an, und fußlahm wankte ich mit mehreren Kollegen zurück Richtung Unterkunft.
Die Entscheidung, die Sonntagsveranstaltung ausfallen zu lassen, war im Prinzip schon vor dem Schlafengehen gefallen, aber spätestens als ich die Tür der Duschkabine öffnete und mein Blick wieder auf eine Überschwemmung fiel, stand mein Entschluss fest. Ich würde einfach einen früheren Zug nehmen, wäre früher zuhause und hätte so am Nachmittag mehr Zeit für ein ausgedehntes Nickerchen. Doch ach, die Deutsche Bahn, die Umstände oder was auch immer waren dagegen. Zwar wurde ich in Hannover nicht wieder von einem Bahnsteig zum nächsten geschickt, aber dafür kam ich mit Verspätung dort an, verpasste meinen Anschlusszug, der nächste Zug sollte ebenfalls Verspätung haben, fiel dann ganz aus, und als ich nach über sieben Stunden endlich wieder in Düsseldorf war, fiel auch mein Nachmittagsschlaf aus, weil nämlich der Nachmittag schon vorbei war. Seither schlage ich übrigens nicht mehr vor, wir könnten doch genauso gut mit dem Zug nach Wolfenbüttel fahren.

P.S. Allen, denen an diesem Bericht jetzt etwas Spanisch vorkommt, sei freimütig eingestanden, dass ich hier mehrere Wolfenbüttel-Teilnahmen zu einer fiktiven kondensiert und mir überdies die eine oder andere dichterische Freiheit herausgenommen habe.

Alice Jakubeit

What the doctor said

15. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

“You don’t mess with a Katrin”, said Kenau laughing. They had hit upon the nametag-swapping game and the discomfort of our painfully specific professional interests was falling away from us. “A Katya’s different altogether, you can tell a Katya a lot of things, but you don’t fucking mess with a Katrin.” This led on to a pleasant exchange about the myriad of connotations surrounding the more American  verb, “to fuck with”, compared with the more coy, more British, “to fuck about with”. “All material for my blog entry” I was thinking – I’d said in advance to the blog workshop master that I’d write about what literary translators talk, when they’re not talking translation and they’re not talking books. Such material had been thin in the weekend’s early hours, so this name-tag swapping lark was a godsend.

Though Ivan had also already gambitted, entering Ione & my own gap-filled coffee chat with his Billy Connolly anecdote, which must be one of Ivan’s party-pieces – a story carrying the patina of twenty years retelling. Ivan was talking the bonding language of home – I’m a Scot, Ivan Glasgowed for a year in his youth, Ivan knows I know that. Connolly – for those who haven’t yet heard – is a living folk hero, a comedian and an actor; you just hear his name mentioned and you smile. Back to Ivan’s anecdote: Billy Connolly & his pals are off camping for a weekend away from Glasgow. Finally, after hours on the Strathclyde buses, they manage to make it out to a scrap of midge-thick boggy hillside, somewhere – where else – with views up to the peak of Ben Lomond & a grand look over the loch. Billy exclaims: “This is beautiful!” But only twenty seconds later, the existential reality hits him. Billy cries out – “But where the fuck are we?”

The London Julie was asking a similar question when the dinner-table talk turned to the German woman’s football team & their beguilingly revealing / cheaply pornographic photo shoot for Playboy? Where, as a society, are we – Julie was arguing –  when those women go & do that & the liberal press chats on with their pseudo debate about how much premature sexualisation we want for our daughters? “Like, mums & dads, everyone put their hands up who supports more sexualisation of childhood!”

This rant hung tight over the table’s air; the men suddenly needed to look closely at their own shoes, while remembering the football team photos, that had been in all the papers; other rants swum up amongst the first, gasped in enough oxygen for a few sentences & collapsed again out of our consciousness, in the moments in which they were spoken. Politics disappeared & we were back again, playing with words.

(Photo: Kings)

With words coming out of translation, where else? I’ll allow myself this one exception to my brief – “broken crop rotator” is the translation of a broken German phrase someone at the table had had to translate. The dinner-table society then filled fields with these broken crop rotators & had low-flying planes drop bags & bags of poems upon them. Kenau from Kansas – all similarities to real people entirely intentional – seized the job of spontaneously delivering the poem to us that was dropped upon those broken crop rotators. In his not very good – but very entertaining – go at an Oxbridge English accent. In parody of my pathos-burdened English translation of a German political poem he’d only first heard at my reading the night before. His verse flowed through our ears, wafted through the party’s warm-airs and seeped out into Wolfenbüttel’s night.

Henry Holland

Haste Töne

6. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Ein Chorworkshop in Wolfenbüttel? Was hat denn das mit Übersetzen zu tun? Da könnt ihr ja gleich Ikebana machen. Oder Spitzenklöppeln.

Tja, VIELE VERACHTEN DIE EDELE MUSIK, und TÄGLICH ENTSTEHET DARÜBER EIN KRIEG, aber an dem Tag, einem Samstagnachmittag Mitte Juni, wollen mindestens 25 Übersetzer unbedingt singen, Sopran, Alt, Tenor, Bass, im klassischen Chor. Tage im Voraus haben sie sich bei dem Braunschweiger Landeskirchenmusikdirektor Claus-Eduard Hecker gemeldet. Alle haben ihm ihre Stimmlage offenbart und im Gegenzug mit der Bitte um eventuelle Vorbereitung Noten von ihm erhalten. Gespannte Erwartung erfüllt das Wolfenbütteler Schloßfoyer. Herr Hecker grüßt und gleich geht’s los. Ruckzuck verteilen wir uns im Raum, stellen uns KUCKUCK, sortiert nach Stimmen, im Kreis auf, loten im Einsingen, KUCKUCK aus voller Lunge, aus Bauch, Brust, Kopf schnaufend, seufzend, stöhnend, Höhe, Tiefe, Weite des Klangraums aus RUFT’S AUS DEM WALD.

Die anfängliche Aufstellung, die einmal gewählte Position zwischen den Kollegenstimmen, bleibt die nächsten Stunden über erhalten, während Herr Hecker aus dem Repertoire der Chorsätze, die er uns vorgeschlagen hat, nacheinander vier auswählt und mit uns einstudiert. Hoch konzentriert übt er mit den Einzelstimmen schwierige Passagen, Tonfolgen, Rhythmen, führt die Stimmen zusammen, arbeitet sogar an der Textverständlichkeit, filigran fast wie beim Spitzenklöppeln. Hochprofessionell leitet er die Probe, seine Analyse der Stücke und seine Klangvorstellung bilden den Rahmen, in dem sich, unterstützt durch die gute Akustik des Schlossgemäuers, in erstaunlich kurzer Zeit aus all unseren einzelnen Stimmen tatsächlich so etwas wie ein Chorklang herausbildet. JUBILATE der ganze Körper schwingt, der ganze Raum atmet JUBILATE.

Die Stimmen einzelner Kolleginnen und Kollegen, die in nächster Nähe zu mir singen, dringen, noch ehe sie im Chorklang aufgehen, auch distinkt an mein Ohr, überraschen und entzücken mich durch ihren Wohlklang, ihre Wärme, ihre Fülle, ihren Schmelz. MIT ROSEN BEDACHT Welch ein Genuss, die Kolleginnen und Kollegen einmal von ihrer stimmlichen Seite kennenzulernen MIT NÄGLEIN BESTECKT ansprechend, differenziert, floral wie beim Ikebana. Am Abend in der KuBa-Halle bekommt Karin Krieger von Ulrich Blumenbach den Hieronymusring überreicht. Der Wolfenbütteler Übersetzerchor überreicht ihr feierlich sein frisch gestecktes Blumenarrangement.

Martina Kempter

So viele Talente: Martina Kempter (Foto: Ilse Layer)

Erlebnisse einer Wolfenbüttel-Fahrenden

4. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Unsere Korrespondentin klärt uns zwischendurch auf.

Teil zwei

(Foto: Jan Peter Kasper)
In Wolfenbüttel angekommen, machte ich mich auf den Weg zu meiner Unterkunft. Wie üblich fand ich mich nicht auf Anhieb zurecht, aber irgendwann stand ich doch vor dem Gästehaus, in dem ich dieses Jahr wohnte. Ich hatte nach einer preiswerten Unterkunft gesucht, und preiswert war sie. Eigentlich bin ich auch nicht besonders anspruchsvoll, was Unterkünfte für wenige Tage angeht. Doch als ich die Tür zu meinem Zimmer zum ersten Mal öffnete, fiel mein Blick sogleich aufs Klo, das sich praktisch neben der Tür befand – die Duschkabine stand gleich dahinter. Außerdem war das Zimmer in dunklen Brauntönen beziehungsweise Klo und Fliesen in Beigetönen gehalten – ich finde Braun abscheulich. Ich überlegte, ob ich auf dem Absatz kehrtmachen sollte, aber das tat ich natürlich nicht, sondern ließ meinen Koffer dort und machte mich auf den Weg zur Eröffnungsveranstaltung in der Kommisse, von der ich dann inhaltlich leider nicht allzu viel mitbekam, weil mich die Nachmittagsmüdigkeit überkam. Aber eigentlich wurde es sowieso erst danach interessant, weil man nun nämlich noch mehr Kollegen traf, die man ewig nicht gesehen hatte.
Das Abendessen fand in einem Strandrestaurant statt – ja, so etwas gibt es auch in Wolfenbüttel. Eigentlich gar keine schlechte Idee, mal draußen zu essen, mal was anderes, hatten wir bisher noch nicht bei der Jahrestagung – wenn das Wetter nur nicht ganz so unsommerlich gewesen wäre. Ich will nicht behaupten, es wäre ein richtiges Gerangel um die Heizpilze entstanden, aber ich wachte doch mit Argusaugen darüber, dass uns keiner unsere Wärmequellen entführte.
Wie auch immer, satt wurden wir, und danach war das Lesefest angesagt. Wir freuten uns schon auf den ersten Teil der Veranstaltung, weil eine Kollegin sich hatte breitschlagen lassen, aus dem vor längerer Zeit von ihr übersetzten Kreuzritterporno zu lesen. Das versprach, sehr lustig zu werden. Wurde es auch. Lange nicht mehr so gelacht. Bewundernswert auch, dass es der Kollegin gelang, trotz allem – also vor allem auch trotz des Wieherns der Zuhörerschaft – die Passage zu Ende zu lesen, ohne selbst über dem Tisch zusammenzubrechen.
Nach dem Lesefest – richtig: Kollegen getroffen, geplaudert, das eine oder andere Glas Wein oder Wasser getrunken – an die Biertrinker hatte schändlicherweise niemand gedacht, an die Absinthtrinker aber auch nicht – und trotz bester Vorsätze viel zu spät ins Bett gekommen.

Alice Jakubeit

Erlebnisse einer Wolfenbüttel-Fahrenden

3. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Unsere Korrespondentin klärt uns zwischendurch auf.

Teil eins

Urplötzlich war es Mitte Juni, und Wolfenbüttel stand vor der Tür, also die Jahrestagung. So überraschend wie Weihnachten. Natürlich passte es zeitlich gerade überhaupt nicht, aber sei’s drum, ich war zum Glück seit langem angemeldet und konnte keinen Rückzieher mehr machen. Donnerstagabend wurde in aller Hektik der Koffer gepackt – was sollte ich bloß mitnehmen, wechselhaftes Wetter war angesagt -, nur um ihn am Freitagmorgen ebenso hektisch nochmals umzupacken. Alles wie gehabt.

(Foto: Linda Bailey)
In diesem Jahr fuhren wir mit dem Zug. Das war mein Vorschlag gewesen – schließlich habe ich keinen Führerschein, und außerdem ist Bahnfahren ja auch so viel umweltfreundlicher. Ich hatte für einige Kolleginnen und mich die Fahrkarten besorgt – erstaunlicherweise war erster Klasse preiswerter als zweiter Klasse gewesen, und so fuhr ich zum ersten Mal im Leben erster Klasse Zug.
Wir trafen uns am Bahnhof und hatten so weit eine ganz angenehme Zugfahrt bis Hannover. Dort mussten wir zum ersten Mal umsteigen. Auf dem Bahnsteig trafen wir weitere Kollegen, die mit anderen Zügen nach Hannover gekommen waren. Allgemeines Begrüßen, plötzlich eine Durchsage: Unser Anschlusszug sollte ausnahmsweise von einem anderen Gleis abfahren. Seufzend nahmen wir unser Gepäck und trabten eine Treppe hinab, durch den Tunnel und eine andere Treppe hinauf zum angegebenen Bahnsteig. Geschafft. Die Zeit reichte noch für eine rasche Zigarette, dachte ich, doch da ertönte eine neue Durchsage: Unser Zug sollte nun doch vom ursprünglich vorgesehenen Gleis abfahren. Alle murrten, ergriffen ihre Koffer, trabten eine Treppe hinab, durch den Tunnel und eine andere Treppe hinauf. Geschafft, fürs Erste. Falls die Bahn es sich nicht noch einmal anders überlegte. Die restliche Anreise verlief ereignislos.

Alice Jakubeit

Drei LÜEler in Wolfenbüttel

3. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

„Naaa, seid ihr denn auch schon …“ – Übersetzer, will die freundliche Dame wohl fragen, die sich gleich nach den ersten Vorträgen in der Kommisse zu uns an den Stehtisch gesellt. „Oh je, ich merke gerade, dass ich mich wie meine eigene Großmutter anhöre“, unterbricht sie sich und ändert die Frage ab in: „Seid ihr Übersetzer?“ Kein Problem. Zuvor sind wir bereits mit den Worten „Junge, unbekannte Gesichter!“ begrüßt worden. Ob uns auch die drei goldenen Buchstaben auf der Stirn geschrieben stehen, die uns Tür und Tor zur diesjährigen Literaturübersetzertagung in Wolfenbüttel geöffnet haben? „Wir sind vom Übersetzungsstudiengang.“ – „Aaah! Düsseldorf oder München?“ Ach richtig, es gibt ja noch ein zweites Anzuchtbecken für angehende Literaturübersetzer. – „München.“
In München kann man LÜE studieren, was für Literarische Übersetzung aus dem Englischen steht. Im Gegensatz zu dem Masterstudiengang in Düsseldorf, wo man sich vier Semester lang mit dem literarischen Übersetzen aus zwei verschiedenen Ausgangssprachen beschäftigt, handelt es sich bei LÜE um ein einjähriges Aufbaustudium mit Fokus auf die englischsprachige Literatur. Vermutlich sind wir jedoch die Vorletzten unserer Art, denn nach dem nächsten Jahrgang soll auch in München das Literaturübersetzen aus dem Englischen in Form eines Masterstudienganges vermittelt werden.
Wie fühlt man sich nun als LÜEler in Wolfenbüttel? Es ist ein bisschen so, als wären wir vom kleinen Goldfischglas der Anfänger ins große Aquarium der Profis gesprungen, wo wir plötzlich von ziemlich großen Fischen umgeben sind. Das wird uns vor allem am Samstagabend klar. Beeindruckt lauschen wir Ulrich Blumenbachs Rede bei der Übergabe des Hieronymusrings an Karin Krieger, deren Name Programm zu sein scheint. Die Leidenschaft, mit der sie seit vielen Jahren und immer wieder aufs Neue dem einen, unerreichbaren, richtigen Wort hinterherjagt, kennen auch wir. Wir fühlen uns verbunden, auch wenn wir noch längst nicht so groß sind.

(Foto: Michelle Jo)
Beim Lesefest in der Schünemann‘schen Mühle stellen wir den Fanclub unserer Dozentin Tanja Handels, die selbst einmal eine LÜElerin war und nun zum Thema „Übersetzer am Scheideweg“ aus einem ihrer Texte liest. Dass sie es so weit gebracht hat, macht uns Mut, und als sie den Zuhörern erzählt, dass ihre Arbeit mit den Studenten durchaus eine befruchtende Wirkung auf ihre Tätigkeit als Übersetzerin hat, wird uns ganz warm ums Herz.
In den Workshops schwimmen wir immer mal wieder an ehemaligen LÜElern vorbei, die ebenfalls beim Übersetzen geblieben sind, und schließlich treffen wir auch noch auf einen Schwarm kleiner Fische, die wie wir gerade erst dabei sind, in die Literaturübersetzerei einzutauchen, und sich neugierig umschauen. Sie haben sich im Rahmen der Berliner Übersetzerwerkstatt kennengelernt, von der wir nun zum ersten Mal hören, und mehr und mehr zeigt sich, dass man eben nicht nur entweder als Autodidakt oder durch ein spezielles Studium, sondern noch auf ganz anderen Pfaden zum Literaturübersetzen gelangen kann. Viele Wege führen nach Wolfenbüttel.
Und als am Samstagabend dann der gemütliche Teil der Abschlussparty näher rückt, verschwimmen mit steigendem Alkoholpegel sowieso zunehmend alle Unterschiede. Mit Rotwein im Bauch und Rhythmus im Blut schwingen wir zusammen mit großen und kleinen, dicken und dünnen, jungen und alten Fischen ausgelassen die Tanzflosse. Im Grunde sind wir doch alle eins: ein großer Schwarm von Sprachversessenen im weiten Meer der Weltliteratur.
Die Euphorie hält auch noch an, als wir ausgenüchtert und ein wenig geschlaucht vom dichten Programm der vergangenen Tage am Sonntagmittag die Rückreise antreten. Die Fahrt nach München dauert gute sieben Stunden, genügend Zeit, alles noch einmal Revue passieren zu lassen. Wol – fen – büttel. Vielleicht ist die Tagung eine Möglichkeit, unseren LÜE-Jahrgang, der sich demnächst in alle Winde zerstreuen wird, zumindest einmal im Jahr wieder zusammenzutrommeln? Vielleicht erstellen wir ein nettes kleines LÜE-Blog, um miteinander in Kontakt zu bleiben? (Danke für die Inspiration, Katy!) Vielleicht … nein, ganz sicher sind wir im nächsten Jahr wieder mit von der Partie. Schön war’s!
Nora Pröfrock und Annegret Scholz

Wo bin ich?

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