Zoekt en gij zult vinden zonder al te veel problemen

4. Juli 2011 § Ein Kommentar

Und hier mal etwas auf niederländisch. Weil’s so schön ist, in der Muttersprache zu schreiben.

(Foto: koopjes.be)

Vertalers van literatuur en non-fictie zullen het herkennen, het eindeloze gezoek als er uit andermans werk wordt geciteerd. Is dat boek of die publicatie ooit in het Nederlands vertaald? Zo ja, wat is de Nederlandse titel en waar vind ik de Nederlandse vertaling van het citaat? Dat is enorm tijdrovend en of je zoekpogingen succes afwerpen, is maar de vraag.

Omdat de Koninklijke Bibliotheek in Den Haag van alle publicaties die in ons land verschijnen een exemplaar bewaart, ligt het voor de hand om daarvan een catalogus te maken en die aan Nederlandse vertalers ter beschikking te stellen. Die catalogus zou dan op auteursnaam te benaderen moeten zijn. Dan per boek of publicatie de oorspronkelijke buitenlandse titel, de Nederlandse titel, naam van de vertaler en ISBN-nummer. Vervolgens de mogelijkheid om binnen de vertaling van het werk enkele steekwoorden in te geven en daar staat het al. Veel kostbare tijd bespaard!

Natuurlijk hangt er aan een dergelijke service een prijskaartje. Bovendien bereik je als eenling niets. Daarom heb ik het Nederlands Genootschap van Tolken en Vertalers (NGTV) mijn probleem voorgelegd en gevraagd om zich tot de Koninklijke Bibliotheek te wenden met het verzoek om samen tot een oplossing te komen. Dat zou nog eens belangenbehartiging mogen heten!

Reacties van collega’s en adhesiebetuigingen zijn uiteraard meer dan welkom!

Henriëtte van Weerdt-Schellekens,
Beëdigd vertaler Duits en lid van het NGTV en het VDÜ

Advertisements

Erlebnisse einer Wolfenbüttel-Fahrenden

3. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

Unsere Korrespondentin klärt uns zwischendurch auf.

Teil eins

Urplötzlich war es Mitte Juni, und Wolfenbüttel stand vor der Tür, also die Jahrestagung. So überraschend wie Weihnachten. Natürlich passte es zeitlich gerade überhaupt nicht, aber sei’s drum, ich war zum Glück seit langem angemeldet und konnte keinen Rückzieher mehr machen. Donnerstagabend wurde in aller Hektik der Koffer gepackt – was sollte ich bloß mitnehmen, wechselhaftes Wetter war angesagt -, nur um ihn am Freitagmorgen ebenso hektisch nochmals umzupacken. Alles wie gehabt.

(Foto: Linda Bailey)
In diesem Jahr fuhren wir mit dem Zug. Das war mein Vorschlag gewesen – schließlich habe ich keinen Führerschein, und außerdem ist Bahnfahren ja auch so viel umweltfreundlicher. Ich hatte für einige Kolleginnen und mich die Fahrkarten besorgt – erstaunlicherweise war erster Klasse preiswerter als zweiter Klasse gewesen, und so fuhr ich zum ersten Mal im Leben erster Klasse Zug.
Wir trafen uns am Bahnhof und hatten so weit eine ganz angenehme Zugfahrt bis Hannover. Dort mussten wir zum ersten Mal umsteigen. Auf dem Bahnsteig trafen wir weitere Kollegen, die mit anderen Zügen nach Hannover gekommen waren. Allgemeines Begrüßen, plötzlich eine Durchsage: Unser Anschlusszug sollte ausnahmsweise von einem anderen Gleis abfahren. Seufzend nahmen wir unser Gepäck und trabten eine Treppe hinab, durch den Tunnel und eine andere Treppe hinauf zum angegebenen Bahnsteig. Geschafft. Die Zeit reichte noch für eine rasche Zigarette, dachte ich, doch da ertönte eine neue Durchsage: Unser Zug sollte nun doch vom ursprünglich vorgesehenen Gleis abfahren. Alle murrten, ergriffen ihre Koffer, trabten eine Treppe hinab, durch den Tunnel und eine andere Treppe hinauf. Geschafft, fürs Erste. Falls die Bahn es sich nicht noch einmal anders überlegte. Die restliche Anreise verlief ereignislos.

Alice Jakubeit

Drei LÜEler in Wolfenbüttel

3. Juli 2011 § Hinterlasse einen Kommentar

„Naaa, seid ihr denn auch schon …“ – Übersetzer, will die freundliche Dame wohl fragen, die sich gleich nach den ersten Vorträgen in der Kommisse zu uns an den Stehtisch gesellt. „Oh je, ich merke gerade, dass ich mich wie meine eigene Großmutter anhöre“, unterbricht sie sich und ändert die Frage ab in: „Seid ihr Übersetzer?“ Kein Problem. Zuvor sind wir bereits mit den Worten „Junge, unbekannte Gesichter!“ begrüßt worden. Ob uns auch die drei goldenen Buchstaben auf der Stirn geschrieben stehen, die uns Tür und Tor zur diesjährigen Literaturübersetzertagung in Wolfenbüttel geöffnet haben? „Wir sind vom Übersetzungsstudiengang.“ – „Aaah! Düsseldorf oder München?“ Ach richtig, es gibt ja noch ein zweites Anzuchtbecken für angehende Literaturübersetzer. – „München.“
In München kann man LÜE studieren, was für Literarische Übersetzung aus dem Englischen steht. Im Gegensatz zu dem Masterstudiengang in Düsseldorf, wo man sich vier Semester lang mit dem literarischen Übersetzen aus zwei verschiedenen Ausgangssprachen beschäftigt, handelt es sich bei LÜE um ein einjähriges Aufbaustudium mit Fokus auf die englischsprachige Literatur. Vermutlich sind wir jedoch die Vorletzten unserer Art, denn nach dem nächsten Jahrgang soll auch in München das Literaturübersetzen aus dem Englischen in Form eines Masterstudienganges vermittelt werden.
Wie fühlt man sich nun als LÜEler in Wolfenbüttel? Es ist ein bisschen so, als wären wir vom kleinen Goldfischglas der Anfänger ins große Aquarium der Profis gesprungen, wo wir plötzlich von ziemlich großen Fischen umgeben sind. Das wird uns vor allem am Samstagabend klar. Beeindruckt lauschen wir Ulrich Blumenbachs Rede bei der Übergabe des Hieronymusrings an Karin Krieger, deren Name Programm zu sein scheint. Die Leidenschaft, mit der sie seit vielen Jahren und immer wieder aufs Neue dem einen, unerreichbaren, richtigen Wort hinterherjagt, kennen auch wir. Wir fühlen uns verbunden, auch wenn wir noch längst nicht so groß sind.

(Foto: Michelle Jo)
Beim Lesefest in der Schünemann‘schen Mühle stellen wir den Fanclub unserer Dozentin Tanja Handels, die selbst einmal eine LÜElerin war und nun zum Thema „Übersetzer am Scheideweg“ aus einem ihrer Texte liest. Dass sie es so weit gebracht hat, macht uns Mut, und als sie den Zuhörern erzählt, dass ihre Arbeit mit den Studenten durchaus eine befruchtende Wirkung auf ihre Tätigkeit als Übersetzerin hat, wird uns ganz warm ums Herz.
In den Workshops schwimmen wir immer mal wieder an ehemaligen LÜElern vorbei, die ebenfalls beim Übersetzen geblieben sind, und schließlich treffen wir auch noch auf einen Schwarm kleiner Fische, die wie wir gerade erst dabei sind, in die Literaturübersetzerei einzutauchen, und sich neugierig umschauen. Sie haben sich im Rahmen der Berliner Übersetzerwerkstatt kennengelernt, von der wir nun zum ersten Mal hören, und mehr und mehr zeigt sich, dass man eben nicht nur entweder als Autodidakt oder durch ein spezielles Studium, sondern noch auf ganz anderen Pfaden zum Literaturübersetzen gelangen kann. Viele Wege führen nach Wolfenbüttel.
Und als am Samstagabend dann der gemütliche Teil der Abschlussparty näher rückt, verschwimmen mit steigendem Alkoholpegel sowieso zunehmend alle Unterschiede. Mit Rotwein im Bauch und Rhythmus im Blut schwingen wir zusammen mit großen und kleinen, dicken und dünnen, jungen und alten Fischen ausgelassen die Tanzflosse. Im Grunde sind wir doch alle eins: ein großer Schwarm von Sprachversessenen im weiten Meer der Weltliteratur.
Die Euphorie hält auch noch an, als wir ausgenüchtert und ein wenig geschlaucht vom dichten Programm der vergangenen Tage am Sonntagmittag die Rückreise antreten. Die Fahrt nach München dauert gute sieben Stunden, genügend Zeit, alles noch einmal Revue passieren zu lassen. Wol – fen – büttel. Vielleicht ist die Tagung eine Möglichkeit, unseren LÜE-Jahrgang, der sich demnächst in alle Winde zerstreuen wird, zumindest einmal im Jahr wieder zusammenzutrommeln? Vielleicht erstellen wir ein nettes kleines LÜE-Blog, um miteinander in Kontakt zu bleiben? (Danke für die Inspiration, Katy!) Vielleicht … nein, ganz sicher sind wir im nächsten Jahr wieder mit von der Partie. Schön war’s!
Nora Pröfrock und Annegret Scholz

Rhythmusfragen: Teil 2 – die Praxis

30. Juni 2011 § Ein Kommentar

Teil zwei eines zweiteiligen Beitrags von Andreas Tretner. Hier klicken für Teil 1.

Ein schönes Beispiel dafür ist Perecs nachgelassene Erzählung (?) Über die Kunst seinen Chef anzusprechen und ihn um eine Gehaltserhöhung zu bitten. Tobias Scheffel, der Übersetzer, und sein Freund Marcel Hinderer haben daraus eine Performance entwickelt, mit der sie das traditionelle Lesefest in Schünemanns Mühle krönten. Für mich der Höhepunkt der diesjährigen Wolfenbütteler Tage! Die Oulipo-Regel dieses Textes ist: Es gibt immer ein Entweder-Oder. Schlichte Binärlogik, Grundkurs Informatik.

Das liest sich dann so: Sie haben reiflich nachgedacht haben ihren ganzen mut zusammengenommen und entschließen sich ihren abteilungsleiter aufzusuchen um ihn um eine gehaltserhöhung zu bitten sie suchen ihn sagen wir um die sache zu vereinfachen denn man muss immer vereinfachen er heißt monsieur xavier das heißt monsieur x sie suchen also monsieur x auf da gibt es nur entweder oder entweder ist monsieur x in seinem büro oder aber er ist nicht in seinem büro wenn monsieur x in seinem büro wäre gäbe es kein problem aber natürlich ist monsieur x nicht in seinem büro es bleibt ihnen folglich nur eins nämlich im flur auf seine rückkehr oder seine ankunft zu warten aber nehmen wir nicht an er würde nicht kommen denn in diesem fall gäbe es am ende nur noch eine einzige lösung nämlich in ihr eigenes büro zurückzukehren und den nachmittag oder den nächsten tag abzuwarten um einen neuen versuch zu unternehmen sondern etwas ganz alltägliches er hätte sich mit seiner rückkehr verspätet …

So fängt es an, und weiter geht es immer ja/nein, nach einer Art Schaltkreis, Organigramm, das der Mathematiker Jacques Perriaud für seinen Freund George entwickelt hat und das dem Buch beiliegt. Über den daraus erwachsenden rhetorischen Wahnwitz, die Intelligenz und Komik der sich verzweigenden Variationen hinaus ist die Pointe des Textes allerdings, dass es in dieser Angelegenheit und in den abgebildeten Strukturen, nämlich im endlosen Parcours durch die verschiedenen abteilungen deren gesamtheit ganz oder teilweise die organisation bildet die sie (Sie!) beschäftigt, gerade kein Entweder-Oder gibt, sondern nur ein Sich-Totlaufen der Maus im Rad. (Womit wir – um die sache zu vereinfachen, denn man muss immer vereinfachen – gleich wieder beim Random-House-Knebelvertrag wären.)

 

(Manuskript-Fragment)

Der besondere Dreh der Performance von Scheffel und Hinderer ergab sich aus der geschickten Einrichtung des Textes für zwei Stimmen – formal nicht vorgesehen, der Text ist ja monologisch ohne Punkt und Komma organisiert. Auf diese Weise verleihen die beiden nicht nur der binären Logik die schlüssige Gestalt, es eröffnet sich im Ausweglosen eine unvermutet tröstliche Dimension des Dialogischen, wie man sie etwa von den berühmten Beckettschen Pärchen (Estragon/Wladimir, Clov/Hamm, Mercier/Camier …) kennt, samt ihrer aufbauend anarchischen, zartmelancholischen und sonstwie transzendierenden Seiten.

Und nicht zuletzt trat der verborgene Rhythmus des Textes (nachdem der Übersetzer ihn entdeckt und selbstredend wieder verborgen hatte) in dieser Lesart frappierend hervor, während gewisse oulipistische Sadismen gegen den Leser – wie eben das Fehlen jeglicher Interpunktion – wohltuend in den Hintergrund traten.

En un mot: formidable! Dringende Empfehlung an alle Literaturhäuser, diesen Abend zu buchen. Wenn schon Amazon-Rezensentin Ingrid nüchtern konstatiert: War nicht das was ich gesucht habe. Ich wollte Vorschläge, wie man am besten zu einer Gehaltserhöhung kommt und gut argumentiert. Dieses Büchlein ist eher ein Roman.

Und über den Rhythmus lasst uns weiter nachdenken.

(Georges Perec bei Klett-Cotta, von Tobias Scheffel übersetzt)
Disclaimer: Das Thema dieses Blogbeitrags habe ich mir ausgesucht. Die Optik, das Visual Theme dieses Blogs hat Katy Derbyshire ausgesucht. Es gibt Zufälle im Leben.

Andreas Tretner

Rhythmusfragen: Teil 1 – die Theorie

28. Juni 2011 § Ein Kommentar

Ein zweiteiliger Beitrag von Andreas Tretner. Teil 2 findet man nun weiter oben oder hier.

„Faulkner ist der größte DJ, der je gelebt hat.“
(Paul Beatty, Slumberland. Übersetzt von Robin Detje)

Rhythmusfragen würden bei der Betrachtung von Literatur und Übersetzung sträflich unterschätzt, befand die Autorin Sybille Lewitscharoff, als sie bei der abschließenden Sonntagsmatinee mit den Übersetzern ihres Romans Apostoloff ins Spanische (Isa Baricco) und Bulgarische (Ljubomir Iliev) zusammentraf. Liebend gerne, so durfte man ihr Statement deuten, gäbe sie den Übersetzern ein paar vertrackte Subkonnotationen aus den gemeißelten Assoziations- und Argumentationsketten ihrer rückbankbalkanreisenden Heldin preis – für ein bisschen Verve und Sorgfalt am Rhythmus, mit dem die Übellaunige ihr Staccato-Bashing den armen Eingeborenen in grandiosen Hakenkombis (links-rechts-rechts-links: jab-hook-uppercut-liverblow, so in etwa) um die Ohren haut. So genüsslich pointiert, wie die Lewitscharoff das Ganze selbst zum Vortrag bringt – ohne weiteres einleuchtend. Der rege bis stürmische Zwischenbeifall meiner Kolle¬ginnen und Kollegen an dieser Stelle ließ indes darauf schließen, dass das Thema uns Übersetzern irgendwie noch tiefer am Herzen liegt.

Aber was bedeutet das eigentlich: Rhythmus übersetzen? Wie viel Rhythmus birgt die Struktur einer Sprache in sich, wie relevant ist er? Wie viel Rhythmus ist im Stil? Der Information? (New-school-mäßig ausgedrückt: Kann purer content einen beat, einen flow haben?) Welche rhythmischen Überlagerungen ergeben sich?

Von metrisch gebundenen Formen der Lyrik sei hier gar nicht die Rede.

Schon pures Sprechen erzeugt unweigerlich Rhythmus. Und sei es durch die profane Notwendigkeit, dass der Mensch beim Reden auch mal Luft holen muss.

(Dis-)Funktionaler Zusammenhang mit ästhetischem Mehrwert, könnte man sagen.

All is rhythm.

Wie in unserem Lieblingsquartier am Wolfenbütteler Harztorwall die eingebaute Zeitschaltuhr im Miele-Küchenherd H601 seit Jahren dieses multiple Schleifgeräusch fabriziert, das beim Frühstücken so lange nervt, wie man nicht den raffinierten Groove realisiert, der den Besen von Max Roach locker in die Ecke stellt, sozusagen.

Wie ich, immer wenn ich an Rolltreppen vorbeigehe (und ich gehe an Rolltreppen immer vorbei, man gönnt sich als schwartenübersetzender Sitzkrüppel sonst nicht viel), darauf hoffe, das Intro von Papa Was A Rolling Stone in der Version der Temptations (Hi-Hat plus Wah-Wah, know-what-I-mean?) wiederzuhören, so wie es vor Zeiten einmal eine (klapprig genug, am Flughafen in Sofia, wenn ich nicht irre) vor sich hinloopte – nämlich perfekt! Motown Escalator Remix …

Und wie natürlich sowieso die Frau mit dem richtigen Gang und den richtigen High heels zur richtigen Nachtzeit auf dem richtigen Kopfsteinpflaster (regenfeucht!) einen Groove zum Niederknien scratcht, und selbstverständlich ohne es zu wollen, sie will ja nur nach Hause … und wir wollen nur einen Roman übersetzen, und wenn wir keinen Fehler machen, ergibt sich der Rhythmus von selbst?
Wenn es so einfach wäre.

Der einfachste (?) Sonderfall wäre, den Rhythmus über ein festes Regelwerk zu generieren. Matrizes, wie sie zum Beispiel die konkrete Poesie verwendet oder die sogenannte potentielle Literatur der internationalen Autorengruppe Oulipo (L‘ Ouvroir de Littérature Potentielle) um Raymond Queneau, George Perec, Oskar Pastior usw.  Freiheit durch Zwänge!, so ihr paradoxes Motto, das sich ähnlich anhört wie Friedrich Nietzsches In Ketten tanzen, welches ja letzthin zur geflügelten Metapher für das Übersetzen schlechthin wurde. Legendär zum Beispiel Perecs Romane La disparition und Les Revenentes, von denen ersterer ganz ohne den Vokal e, letztere nur mit diesem auskommen muss. (Kollege Hans-Christian Oeser, als ich neulich mit ihm per Mail den leider perfiden neuen Standard-Übersetzervertrag von Random House diskutieren wollte, war abgelenkt, weil sein Notebook gerade den Geist aufgab: „— puff! Hat nur noch e getippt, seitenlang, und dann war Sense!“ – worauf ich ihm vorschlug, dem Zweitausendeins Verlag mal eben schnell eine radikale Neuübersetzung von Les Revenentes anzubieten, aber natürlich möch¬te einer, dessen Computer im Sterben liegt, keine blöden Witze lesen.)
Völlig klar, dass sich das Korsett auch rhythmisch abbildet.

Das Übersetzen eines solchen Romans (beide sind übersetzt!) stellt man sich erst einmal so verzwickt und so lähmend vor wie das Lösen eines gigantischen Kreuzworträtsels. Richtig interessant wird es aber wohl spätestens da, wo die oulipotische Regel zum Inhalt des Textes in Beziehung tritt.

Andreas Tretner

Bekenntnisse eines Erstteilnehmers

25. Juni 2011 § 4 Kommentare

Beim Überfliegen eines Tagungsberichts vom letzten Jahr war mir ja dieser Satz aufgestoßen: „Our get-togethers are veritable harems of highly attractive and intelligent women from 25 to 75.“ Also genau meine Altersgruppe, dachte ich mir, sieht so aus, als müsst ich da auch mal hin. Allerdings, fällt mir ein, müsste ich der Altersgruppe dann auch ein bisschen imponieren, insofern gibt’s eigentlich nur eins: Ich trete gleich am Freitagabend beim Lesefest auf! Mir macht das Vorlesen ja nichts mehr aus, seitdem ich einmal Zeuge einer Veranstaltung wurde, bei der eine Literaturwissenschaftlerin einen von mir übersetzten Autor interviewte und dann einen ganz jämmerlichen Vortrag meiner Übersetzung zum Besten gab. So gut wie die kann ich das auch, ist meine Devise seither, also lese und moderiere ich gern, wenn man mich fragt, und in dem Fall sogar ungefragt.

Der Wolfenbütteler Stadtrat, der die Übersetzerschar dann am Freitagnachmittag begrüßt, ist überraschend unterhaltsam. Seine charmant improvisierte Rede kreist hauptsächlich um die Verlegenheit, in die es einen bringt, wenn man erst am Vormittag vom Chef erfährt, dass man am Nachmittag eine Rede halten soll, am besten walzt man die Entschuldigung für das Fehlen des Oberbürgermeisters ein bisschen aus. Wäre ich Stadtrat zu Wolfenbüttel, würde meine Rede aber wohl so klingen: „Habt Ihr Euch schon das Denkmal auf dem Marktplatz angeschaut? Da posiert der Herzog August nebst seinem Pferd, und wer sitzt AUF dem Pferd? Genau, der leibhaftige Tod! Aber seit neuestem erst. Ganz schön spooky für so eine Kleinstadt, oder? Natürlich wollen wir Wolfenbütteler den Tod jetzt wieder runterholen von seinem Ross, aber dazu müssen wir ein Rätsel lösen. Es besteht aus 22 Fragen, eine davon lautet zum Beispiel: Welches Schimpfwort lässt sich aus einem zu lange gekochten Ei ableiten? Na, ist das nichts für Übersetzer? Steht alles auf www.geistreiter.org.“

Ein Vortrag von Burkhart Kroeber schlägt den Götterboten Hermes als mythologische Leitfigur für Übersetzer vor. Burkhart zitiert irgendwie recht viel, vor allem aus seiner Übersetzung von „Die unsichtbaren Städte“ von Italo Calvino, für die er vor kurzem den Wieland-Preis gekriegt hat, und malt dazu immer mit Zeige- und Mittelfinger seine Gänsefüßchen in die Luft. Mir kommt es so vor, als würde er ständig mit dem Victory-Zeichen winken, und ich glaube, wenn ich in 30 Jahren auch endlich den Wieland-Preis eingesackt habe, mache ich es genau so wie er.

Plötzlich fällt mir aber ein, dass ich meine Krawatte zu Hause vergessen habe, für meinen Leseauftritt hätte ich die mir gern umgebunden, schließlich lese ich aus „Unsere schönste Trennung“ von David Foenkinos, das ist ein großer Krawattenroman, und außerdem trägt man, sobald man eine Bühne betritt, und mag sie auch noch so klein sein, ja nicht mehr irgendwelche Klamotten, sondern ein Kostüm. In Wirklichkeit ist meine Scheu, vor Publikum zu paradieren, natürlich enorm. Aber es geht bei der ganzen Sache ja auch darum: Die MEISTEN Übersetzer haben eine immense Scheu, in der Öffentlichkeit aufzutreten. Was auf das Bild, das die Übersetzer in dieser Öffentlichkeit abgeben, freilich nicht immer günstig abfärbt. Also muss man seine Scheu überwinden. Aber welch dämliche Idee von mir, heroisch voranschreiten zu wollen, ich sollte besser ein kleines Beruhigungsmittel einnehmen. In der Pause stapfe ich zur Apotheke und gönne mir eine Billig-Version „Notfalltropfen nach Dr. Bach“, wobei dieses VdÜ-Namensschild auf meiner Brust prangt, wie ich allerdings erst nach Verlassen der Apotheke feststelle. Ist mir ja furchtbar peinlich!

Diese Namensschilder sind mir überhaupt recht lästig und erschweren mir den Umgang mit der geschätzten Altersgruppe erheblich. Wegen dieser Schilder kann ich mich gar nicht nach den Namen meiner Gesprächspartnerinnen erkundigen, obwohl ich mich doch brennend für deren Namen interessieren würde, sozusagen der perfekte Einstieg in eine wundervolle Unterhaltung – auch IM ALLGEMEINEN, möchte ich betonen, interessiere ich mich sehr für die Namen meiner Gesprächspartner, und IM ÜBRIGEN ist es keine leichte Sache, zu einer Tagung zu kommen, wo 150 bis 200 Leute rumspringen, von denen man keine Sau kennt – aber wenn ich die Damen nach ihren Namen frage, können sie nur antworten: „Steht doch aufm Schild.“ Wenn ich mich dann allerdings über das Schild beuge, protestieren sie bestimmt: „Hör doch auf, so auf meinen Busen zu starren!“ Dafür habe ich jetzt eine Geschäftsidee, viel besser als Übersetzen: Ich bastle Namensschilder, die man irgendwie auch an den Schuhen anbringen kann, und lasse mir die Erfindung patentieren.

(Foto: Britta Waldhof)

Seltsamerweise bin ich nach der Leserei gar nicht so durch den Wind wie befürchtet. Als nach mir Stefanie Jacobs die Szenerie erklimmt und aus ihrer Übersetzung von Nick Caves „Der Tod des Bunny Munro“ liest, höre ich also sogar zu: „Man sollte Sie einbalsamieren und Ihnen ein Schild um den Hals hängen, ‚Ausgestorbene Spezies’.“ Die Moderatorin Claudia Steinitz wundert sich, wo denn ein so anständiges Mädchen dieses zum Teil ziemlich schweinische Vokabular gelernt hat. Ach, meint Stefanie, im Internet, bei mundmische.de Nach der Pause wartet gleich der nächste persönliche Höhepunkt, Karin Betz, die ihre Übersetzung von Mo Yans „Die Sandelholzstrafe“ vorstellt. Karin beschreibt mit zarter Emphase alte lange chinesische Bärte, was genug ist, um mich auf ferne Kontinente und in längst vergangene Zeiten zu entführen, und lässt den Satz fallen, der zu meinem Lieblingssatz des Wochenendes wird: „Wenn das Wasser steigt, steigt auch das Boot.“

Am Samstag nehme ich dann am Workshop „Bloggo, ergo sum?“ bei Katy Derbyshire teil, dem Du, geneigter Leser, diese Enthüllungen verdankst. Ich weiß jetzt, dass ein Blog einzurichten nicht schwieriger ist als einen E-Mail-Account anzumelden, und dass dieses Bloggen nichts für mich ist. Ich würde mich ja im Handumdrehen um Kopf und Kragen schreiben. Vielleicht lasse ich mich doch bei Facebook registrieren, wenn ich mal wieder meinen Anfall kriege und meine, meine Webpräsenz steigern zu müssen. Katy ist es auch, die sich am Abend dann noch zur DJane aufschwingen will. Nicht einfach, die Altersgruppe von 25 bis 75 zu bespaßen. Was legt man da auf? „When you smile“ von Roberta Flack wahrscheinlich. Von wegen, die Altersgruppe offenbart vollkommen ungeahnte Qualitäten: Sie entpuppt sich nämlich als das tanzwütigste Völkchen, das ich je erlebt habe.

Christian Kolb

Das Wolfenbütteler Manifest – 10 Thesen zum Thema Bloggen für Übersetzer

24. Juni 2011 § 3 Kommentare

Im Workshop „Bloggen für Übersetzer“ kamen viele Fragen darüber auf, warum und wie man bloggt oder bloggen sollte. Hier ein Versuch, meine Ideen zum Thema zusammenzufassen. Kommentare sind ausdrücklich erwünscht!

1. Übersetzer sind Experten. Wir kennen die Werke, die wir übersetzen, oft fast so gut wie die Autoren selbst, und meistens besser als die Lektoren. Wir kennen die Länder, deren Literaturen wir übersetzen, und wir kennen die jeweiligen Literaturen selbst. Und nicht zuletzt beherrschen wir unsere eigenen Sprachen und spielen eine Rolle in deren Weiterentwicklung, ob bewusst oder unbewusst, beabsichtigt oder nicht.

2. Übersetzer sind allerdings oft unsichtbar. Sei es in Rezensionen, auf den Buchcovern, in der Werbung – oft genug wird unsere Arbeit und unsere bloße Existenz unterschlagen. Vampiren gleich erscheinen wir nicht im Spiegel der Öffentlichkeit, gelten mancherorts als literarische Parasiten ohne eigene lebensspendende Ideen. Eine gute Übersetzung soll man daran erkennen, dass man sie nicht bemerkt, heißt es. Ob die alte Maxime noch gilt oder nicht – es bedeutet nicht, dass wir Übersetzer selbst unsichtbar bleiben müssen.

3. Das Internet gibt uns viele Gelegenheiten, uns einer theoretisch unbegrenzten Öffentlichkeit gegenüber zu äußern.

4. Ein Blog bietet genau so eine Möglichkeit. Durch ein Blog kann man ohne großen technischen Aufwand seine Ideen verbreiten, sich selbst, seine Projekte und unter Umständen seine ganze Berufssparte ans Licht bringen.

5. Durch Leserkommentare und Vernetzung mit anderen Bloggern kann man leicht in einen Dialog treten, der sonst überhaupt nicht stattfinden würde.

6. Vor dem Hintergrund, dass die Leserschaft theoretisch unbegrenzt ist – durch Online-Übersetzungsdienste nicht mal mehr sprachlich bedingt – sollte ein Übersetzerblog möglichst verständlich geschrieben sein. Wenn es darum geht, unsere Arbeit für Außenstehende darzustellen, sollte ebendiese Leserschaft nicht abgeschreckt werden.

7. Andererseits ermöglicht ein Blog einen tiefer gehenden Dialog mit Kollegen, gegebenenfalls aus aller Welt. Es muss auch Raum für fachspezifische Beiträge geben, die Fragen unserer Arbeit und unseres Selbstverständnisses angehen.

8. Noch bestehen kaum Verbindungen zwischen Theoretikern und Praktikern der Übersetzungswissenschaft. Ein Blog wäre eine Möglichkeit, den Elfenbeinturm mit dem Bodenpersonal zu verbinden, sofern dies in einer allgemein lesbaren Form geschieht. Und es könnte Studierende der Literaturübersetzung einbinden, die oft mehr über die eigene Arbeit reflektieren als etablierte Übersetzer.

9. Ein Blog soll Lesefreude schaffen. Als Übersetzer verfügen wir über das rhetorische Werkzeug, gute Texte zu schreiben. Das sollten wir auch tun. Es kann unheimlich befreiend sein, seine eigenen Worte aufs leere Blogblatt zu bringen, anstatt wie üblich die Worte anderer zu übertragen. Das freie Schreiben bringt uns wiederum Vorteile für die übersetzerische Arbeit ein, und sei es nur, dass wir auf das eine oder andere neue Wortwahl kommen.

10. Zu oft sind Übersetzer zurückhaltende Menschen, die das Rampenlicht scheuen. Seit einiger Zeit erheben wir allerdings merklich unsere Stimmen durch selbst organisierte Lesungen, die Öffentlichkeitsarbeit der Berufsverbände, Leserbriefe an Zeitungen, Übersetzernachworte, usw. Lasst uns noch einen Schritt aus dem Schatten unserer Autoren hervor treten und unsere eigene Plattform erschaffen!

Katy Derbyshire